EINBLICKE – „Dieser gesellschaftliche Morast”

Die Gesellschafts-Gast-Kolumne
von Stive auf KonBon.de

Liebe Leserin, lieber Leser,

neuer Blog, alte Kolumne. KonBon.de erstrahlt im neuen Glanze, viele bunte Bilder, dafür weniger Redaktionelles. Aber in einem Fotoblog erwartet man ja auch keine tagesaktuelle Berichterstattung. Trotzdem: Ein Fotoblog der was auf sich hält verfügt natürlich über eine ausgefeilte Gesellschaftskolumne – besser noch über eine Gellschafts-Gast-Kolumne. Kurz um: die „EINBLICKE“ bleiben Ihnen erhalten.

Und wir starten mit einer Geschichte wie sie nur das Leben schreibt:

Gestern Morgen sitze ich in einem Linienbus von Hamburg-Langenhorn nach Poppenbüttel. Mir gegenüber, entgegen der Fahrtrichtung, sitzt eine ältere Dame, so um die 70, konservatives auftreten, Karorock mit passendem Blaser und Hut. So eine richtige Wilmar.

Nach ungefähr 10 Minuten Fahrt fängt sie plötzlich an aufgeregt auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen, dabei starr an mir vorbei starrend. Nach einer kurzen Weile des Rutschens und Starrens beugt Sie sich plötzlich zu mir vor: „Junger Mann, schauen sie sich das doch mal, da sitzt ein Mann in einem Rock. Wie findet man denn so was?“

Ich drehe mich unauffällig um und sehe was Wilmar da so aus der Rolle bringt. Ein Mann, etwa Wilmars Alter, in einem blauen, knielangen Rock mit weißer Bluse passendem Blaser beagefarbener Strumpfhose und weißen Schuhen mit Absatz. Nennen wir Ihn „Henriette“.

Ich dreh mich wieder um und lächle Wilmar an und sage trocken: „Ich finde er hätte sich die Beine anständig rasieren sollen.“

Mittlerweile hat sich auch die junge Frau neben mir einmal umgedreht und verkündet stolz: „Den kenn ich schon, er trägt bei uns Zeitungen aus. Gestern hatte er einen schwarzen Faltenrock an.“

Plötzlich setzt bei Wilmar eine aufgebrachte Schnappatmung ein. „Ja, aber… aber… aber…“ Schapp, schnapp, „stören Sie sich denn da gar nicht dran.“

Ich schaue die Frau neben mir an – sie schaut mich an – dann schauen wir beide Wilmar an und ich antworte: „Woran?“

„Das ist einfach unglaublich!“ ,mit gefalteten Händen blickt unser Gegenüber an die Omnibusdecke. „Dieser gesellschaftliche Morast ist doch nicht mehr zu ertragen! Da sitzt ein Mann in Frauenkleidern in einem Bus und alles woran man sich stört ist“ – schnapp, schnapp –  „dass er schlecht rasiert ist. Wo kommen wir denn da hin? Dieser… moralische Verfall… nein, das ist schrecklich… schrecklich“ – schnapp, schnapp, schnapp – „schrecklich.“

An der nächsten Haltestelle stürzt sie aus dem Bus, wobei sie einer Rollstuhlfahrerin unachtsam ihre Handtasche an den Kopf schlägt.

„Das ist wohl eine Generationsfrage“ ,sagt die Frau neben mir kopfschüttelnt. Ich schaue mich um und beobachte wie Henriette, der die Unterhaltung ganz offensichtlich mitbekommen hat, Wilmar mit einem breiten, von Herzen kommendem Lächeln hinterher schaut.

Da ist Wilmar: Die sitzt in einem Bus, sieht einen Mann in Frauen Kleider und bringt sich dadurch bis zum Rande eines Herzinfarktes in Rage.

Auf der anderen Seite ist Henriette: Der sitzt in Frauenkleidern in einem Bus, Lebt einfach sein Leben, und hat irgendwie auch noch Spaß dabei.

Ich schaue meine Sitznachbarin an und antworte: „Nein, das scheint eine Frage von Hirn zu sein!“

In diesem Sinne, bleiben Sie locker und gehen Sie Ihren Weg.

Ihr Stive

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